Phantomschmerz

Bild: Pixabay, Fotgraf: FelixMittermeier
Bild: Pixabay, Fotgraf: FelixMittermeier

Phantomschmerz ist ein Thema, das sehr viele – jedoch nicht alle - amputierten Menschen betrifft. Meist treten die Schmerzempfindungen schon kurze Zeit nach der Amputation auf. Einige leiden nur wenige Sekunden im Jahr unter Phantomschmerzen, andere sind täglich mehrere Stunden davon betroffen. Man geht davon aus, dass ca. 70 % der amputierten Patienten unter Phantomschmerz leiden. Dabei sind die Qualität und die Intensität der empfundenen Schmerzen ganz unterschiedlich. Die Schmerzqualität geht von leichtem Kribbeln und Ziehen über Brennen bis hin zum Gefühl, dass das Phantomglied gequetscht oder geschnitten wird. Häufig treten diese Schmerzempfindungen anfallsartig auf und sind oft in den Fingern oder Zehen der amputierten Gliedmaße lokalisiert.

 

Zu unterscheiden sind Phantomschmerz, Phantomempfindung und Wundschmerz! Diese Unterscheidung fällt dem Patienten oft schwer, ist aber ganz entscheidend für eine korrekte Therapie. Es ist daher wichtig, dass ein erfahrener Behandler dem Patient die unterschiedlichen Wahrnehmungen erklärt und deutlich macht, dass beispielsweise die Phantomempfindung keinen Krankheitswert hat.

 

Die Dauer der Schmerzerkrankung variiert von Patient zu Patient. Zu der Entstehung des Schmerzes gibt es unterschiedliche Theorien. Man geht davon aus, dass alle Gliedmaßen im Gehirn repräsentiert sind und das diese Areale im Gehirn ständig Informationen der Glieder über Lage, Wärme, Kälte, Berührung und Schmerzempfindung erhalten. Fehlen diese Informationen plötzlich (bedingt durch die Durchtrennung von Nervenfasern), entsteht im Gehirn sofort eine Verarbeitungsstörung, die den Phantomschmerz auslösen kann. Das Gehirn verfügt über Verstärkungsmechanismen die versuchen, die fehlenden Signale wieder herzustellen. Durch eine Überkompensation kann es dann zu den charakteristischen Schmerzen kommen.

 

Wie das Gehirn die Schmerzen bewertet, hängt ganz stark auch von der Persönlichkeit, der Lebenssituation und der Krankheitsverarbeitung der betroffenen Person ab. Ebenso können Wetterumschwung, Luftdruckveränderungen, Wärme und Kälte, aber auch Stress und andere Belastungsfaktoren den Phantomschmerz „triggern“.

 

Einige Patienten beklagen den Phantomschmerz als eher nebensächliches Übel, andere sind so stark beeinträchtigt, dass die Schmerzerkrankung ihren kompletten Alltag beeinflusst und sie selbst in Ausübung der beruflichen Tätigkeit und der Freizeitgestaltung massiv beeinträchtigen kann.

 

Durch moderne Anästhesieverfahren, den Einsatz von Schmerzkathetern, eine gute OP-Planung und ein fachgerechtes Vorgehen durch einen erfahrenen Operateur, kann man heute das Auftreten von Phantomschmerzen in vielen Fällen verhindern.

 

Manchmal sind die Schmerzen durch sog. Amputationsneurome bedingt, die durch ein unkontrolliertes Aussprossen von Nervenfasern nach einer Durchtrennung des Nervs entstehen. Daher sollte der Stumpf bei Phantomschmerzpatienten auch radiologisch untersucht werden (Sonografie, MRT), und Neurome sollten ggf. chirurgisch entfernt werden.

 

Zur Behandlung von Phantomschmerz stehen unterschiedliche Therapieoptionen zur Verfügung. Neben den nichtmedikamentösen Therapien, die in dem folgenden Artikel beschrieben sind, gibt es natürlich auch medikamentöse Behandlungsansätze. Diese reichen von Schmerzmitteln über Antikonvulsiva (Medikamente die auch zur Behandlung oder Verhinderung von epileptischen Anfällen eingesetzt werden) bis hin zu Antidepressiva.

 

Über die vielseitigen Möglichkeiten der „ Pharmakologisch nicht interventionellen Therapie chronisch neuropathischer Schmerzen“ informiert die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.: in der awmf-Leitlinie, die ständig überarbeitet und aktualisiert wird:

 

Link zur awmf-Leitlinie

 

Wir danken dem Autor Dr. h.c. Martin Robert Rehbein, Kaiserbergklinik Bad Nauheim / Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz für die Bereitstellung dieser Definition.


Hier finden Sie den PDF-Download zum Vortrag "Nichtmedikamentöse Behandlung von Phantomschmerzen" von Dr.h.c. Martin Robert Rehbein

 

Wir danken Dr. Martin R. Rehbein für seinen Einsatz als Referent bei unseren Veranstaltungen und für die Bereitstellung des Artikels. Alle Rechte hierfür liegen beim Verfasser.

Download
Vortrag "Nichtmedikamentöse Behandlung von Phantomschmerzen"
Phantomschmerz.pdf
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Projekte die sich mit Phantomschmerz befassen:

Telereha-Projekt
Telereha-Projekt

Forschungsprojekt zum Thema "Telerehabilitation Phantomschmerz"

Tele-Reha-Projekt

Hier finden Sie Informationen über ein Forschungsprojekt zum Thema 'Telerehabilitation Phantomschmerz', welches vom Gesundheits-ministerium NRW prämiert wurde.

In diesem Projekt wird eine online-Plattform entwickelt, um eine verbesserte Betreuung und Unterstützung von Patienten mit Phantomschmerzen nach Amputationen zu erreichen.

 

Um die Inhalte der Plattform möglichst individuell an die Bedürfnisse der Patienten anzupassen, werden interessierte Patienten für eine Befragung gesucht.

 

Die Patienten sollten für die Befragung volljährig sein und eine einseitige Beinamputation (Hüfte, Ober/Unterschenkel oder Fuß) haben.

 

Weitere Informationen finden Sie in unserem Patientenflyer und der Website www.telereha.net

 

Download
Patientenflyer Telereha Projekt
Patientenflyer_PACT.pdf
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Die Fachzeitschrift Orthopädie Technik hat in Ihrer Februarausgabe ein Interview zu den Projekten Telereha veröffentlicht. Angesprochene Themen waren unter anderem anstehende Studienergebnisse zur Telereha und die Weiterentwicklung der Projekte.

Mehr dazu hier:

http://telereha.net/interview-in-fachzeitschrift-orthopaedie-technik-2/


EMDR-Methode bei Phantomschmerz?

Die EMDR-Methode – ein vielen immer noch unbekannter Meilenstein in der Therapie von Phantomschmerz?

 

Immer wieder erreichen uns Nachrichten von verzweifelten Menschen, die aufgrund ihrer Amputation mit massiven Phantomschmerzen zu kämpfen haben.

 

Nach Berichten vieler Betroffener sind nach wie vor hauptsächlich Schmerzmedikamente bzw. Psychopharmaka (Pregabalin/Gabapentin) die Mittel der Wahl im Einsatz gegen oft sehr belastende Phantomschmerzen. Viele Betroffene möchten jedoch ihren Körper aufgrund von Nebenwirkungen und möglicher Folgeschäden nicht dauerhaft mit diesen Medikamenten belasten.

 

Seit einigen Jahren hat eine Therapiemethode aus der Traumatherapie beispielsweise bei posttraumatischer Belastungsstörung für erstaunliche Erfolge gesorgt und wurde daher schnell als effektive Methode zur Behandlung von Traumafolgestörungen anerkannt.

 

Dass dies auch bei Phantomschmerz eine Option sein kann, veröffentlichte bereits 2013 das Ärzteblatt:

 

Beim Einsatz der EMDR-Methode (steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wird unter anderem durch die bilaterale Stimulation das adaptive Informationsverarbeitungssystem aktiviert, so dass Erinnerung nachverarbeitet werden kann.

 

Es gibt mehrere Bereiche, in denen sich die Methode mittlerweile durch Fallserien und kontrollierte Studien als effektiv gezeigt hat. Beispielsweise konnte bei Patienten mit Phantomschmerz, im Sinne des Schmerzgedächtnisses, bei mehr als der Hälfte von ihnen eine komplette Remission des Schmerzes erreicht werden.

 

Quelle: Ärzteblatt Artikel: Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR): Eine ungewöhnliche Form der Psychotherapie

 

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 512

 

Hase, Michael; Leutner, Susanne; Tumani, Visal; Hofmann, Arne

 

https://www.aerzteblatt.de/archiv/148764/Eye-Movement-Desensitization-and-Reprocessing-(EMDR)-Eine-ungewoehnliche-Form-der-Psychotherapie

 

In Studien wurde die Methode weiter untersucht und 2017 mehrfach dazu publiziert.

 

Da diese Information leider noch viel zu wenig in den Kreisen der Betroffenen ankam, möchten wir an dieser Stelle auf diese Methode als weitere Methode zur Therapie von Phantomschmerzen hinweisen.

 

Da die Therapie oft bereits nach kurzer Zeit Erfolge zeigt und der Patient auch selbst mitbestimmen kann, wie tief er in Erinnerungen einsteigt, mag dies auch eine Methode für Betroffene sein, die ansonsten den Weg zum Psychotherapeuten eher scheuen würden.

 

Wie die Methode funktioniert, erklären Videos auf der Seite des wissenschaftlichen Fachverbandes für Anwender der psychotherapeutischen Methode Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR):

 

https://www.emdria.de/service/video/

 

Angesichts der Einschränkung der Lebensqualität vieler von Phantomschmerzen Betroffener wäre es sehr wünschenswert, wenn diese Methode mehr Bekanntheit und Anwendung in der Behandlung von Phantomschmerzen finden würde!

 

Über einen Austausch, wer bereits Erfahrungen in der  Phantomschmerztherapie mit EMDR gemacht hat (sei es als Betroffener oder als Therapeut), würden wir uns sehr freuen: info[at]beinamputiert-was-geht.de